Besprechung Winterreise

Warum mal wieder die Winterreise? Gibt es nicht schon genug Aufnahmen in verschiedenster Formation von so gut wie jedem Liedsänger, der etwas auf sich hält?
Zunächst einmal ist die Winterreise eines der beeindruckendsten Lied-Werke, nicht nur Schuberts, sondern überhaupt. Fast jeder (männliche) Sänger, der im Liedfach zu Hause ist, wird früher oder später auf dieses Werk stoßen. Darin wird schließlich ein vermeintlich besonders „männliches“ Thema verarbeitet: Der von der Liebe und dem Leben enttäuschte und verratene Lonsome Wolfe zieht durch eine karge, feindliche Landschaft, wankend zwischen Todessehnsucht, Hoffnungsschimmern und dem Versuch, irgendwo den Sinn und seine Platz im Großen Ganzen zu finden.

Und plötzlich wird das Werk völlig neu interpretiert- und zwar von einer Frau.

Was mit Schuberts Liederzyklus dadurch passiert ist gleichermaßen erschreckend und erstaunlich. Es geht plötzlich nicht mehr nur um einen Mann. Es geht nicht mehr um testosterongeschwängertes Leiden. Plötzlich werden die Themen viel elementarer, viel universeller. Es geht um das Mensch-Sein an sich, es gibt keine Grenzen mehr zwischen Mann und Frau, Jung und Alt oder Optimist und Pessimist. Was einzig bleibt ist ein allumfassendes Empfinden, das jeden von uns bewegt.

Dabei schafft es Birgit Breidenbach in unvergleichlicher Art, auch die Grenzen von Gesangsstilen völlig außer Kraft zu setzen. Da hört man plötzlich raue Töne, die so aschfahl und tot klingen, dass man kalte Schauer den Rücken runterjagen fühlt und sich vorsichtig nach den Krähen umsieht, die auf den Tod lauern. Dann wieder schillert die Stimme in tausend Farben und hebt zu triumphgeschwängerten Höhen an, die so viel Hoffnung und Leben in sich tragen, dass man die ganze Welt umarmen möchte. Manches Mal fühlt man sich in rauchige Jazzbars versetzt, in denen ein alter Mann einen einsamen Blues spielt, ein anders Mal sieht man ein junges Mädchen vor sich, das dem Leben und der Liebe staunend gegenübersteht und sich lachend in der Welt umschaut.

Dabei verschmilzt die Interpretation von Gesang und Klavier zu einer untrennbaren Einheit. Das Spiel von Gerda Ziethen-Hantich kommentiert nie, es bedrängt nicht und stellt sich nie in den Vordergrund. Es IST einfach, so selbstverständlich und so klar im Ausdruck, dass hier noch einmal ganz deutlich wird: Das Lied lebt nicht nur von Gesang, Melodie und Text sondern kann nur durch die Einheit von Pianist und Sänger entstehen. Aus diesem Verständnis heraus erzeugen die beiden Künstlerinnen eine nie ganz eindeutige, immer offenen Stimmung, die mit ihren vielen Zwischentönen den Zuhörer immer wieder zwingt, sich selbst zu reflektieren und selbst zu interpretieren.
Ein bedeutender Aspekt der Aufnahme ist die Verwendung der Urfassung von Schuberts Notentext. Die Tonarten weichen zum Teil beträchtlich von der üblichen überarbeiteten Version ab und bedingen maßgeblich das Stimmungsbild der Stücke, besonders im Kontext aller Stücke.

Die Aufnahme ist ungeschnitten und in Konzertsituation entstanden. Das bedingt, dass man eine Entwicklung des Charakters von Ton zu Ton verfolgen kann. Wie von einem Sog wird man vom ersten Ton an mitgerissen in die Gefühlswelt der Musik. Man ist so gefesselt, dass ein Unterbrechen oder Weghören nicht mehr möglich ist, nicht bevor der letzte Ton verklungen ist. Man fiebert der Erlösung am Ende entgegen, wird an dieser Stelle, wenn man mit einer Vorgabe gerechnet hat, jedoch grob enttäuscht. Auch hier lassen sich Birgit Breidenbach und Gerda Ziethen-Hantich nicht zu einem Statement hinreißen. Dass Ende bleibt offen. Der Zuhörer darf seine eigene Interpretation finden, sich die aufgeworfenen Fragen selbst beantworten.

Silke Cremer-Ossenbach